Atmen ist das Selbstverständlichste der Welt – bis es nicht mehr funktioniert. Wer Menschen dabei helfen möchte, ihren Atem bewusster zu nutzen, Atemprobleme zu überwinden oder Atemarbeit als therapeutisches Werkzeug einzusetzen, denkt oft an den Beruf des Atemtherapeuten. Was viele nicht wissen: Den Atemtherapeuten als eigenständigen, staatlich anerkannten Ausbildungsberuf gibt es in Deutschland nicht. Stattdessen führen mehrere sehr unterschiedliche Wege in dieses Berufsfeld – von der klinischen Weiterbildung zur Atmungstherapeutin über die körperorientierte Atemarbeit bis hin zu therapeutischen Zusatzqualifikationen. Dieser Artikel erklärt ehrlich, welcher Weg wohin führt.
Wichtig vorab: „Atemtherapeut“ ist in Deutschland keine geschützte Berufsbezeichnung. Das bedeutet zum einen, dass der Markt an Kursen und Zertifikaten unübersichtlich ist – und zum anderen, dass man genau hinschauen muss, welche Qualifikation für welches Arbeitsfeld tatsächlich anerkannt wird.
Zwei völlig verschiedene Welten klinisch und ganzheitlich
Wenn Menschen nach einer Atemtherapeuten-Ausbildung suchen, meinen sie oft sehr unterschiedliche Dinge. Auf der einen Seite steht die klinische Atmungstherapie – eine anerkannte Fachweiterbildung für Pflegefachkräfte und Physiotherapeuten, die auf Intensivstationen und in pneumologischen Abteilungen tätig sind. Auf der anderen Seite steht die ganzheitliche Atemarbeit – körperorientierte Therapieformen wie Atemtherapie nach Ilse Middendorf oder nach Cornelis Veening, die den Atem als Zugang zu Körper, Seele und Persönlichkeitsentwicklung verstehen.
Diese beiden Welten haben inhaltlich kaum Überschneidungen – und auch die Ausbildungswege, Zielgruppen und Arbeitsfelder sind grundverschieden. Wer wissen möchte, wie man Atemtherapeut wird, muss deshalb zunächst klären, in welche dieser Richtungen es gehen soll.
Weg 1 Klinische Atmungstherapeutin die anerkannte Fachweiterbildung
Die Atmungstherapeutin (auch: Atmungstherapeut, englisch: Respiratory Therapist) ist eine in Deutschland zunehmend anerkannte Spezialisierung für Pflegefachkräfte und Physiotherapeuten. Sie qualifiziert für die Arbeit auf Intensivstationen, in der Beatmungsmedizin, in der Pneumologie und in der außerklinischen Beatmungspflege – einem Bereich, der durch den demografischen Wandel und den steigenden Bedarf an Heimbeatmung stark wächst.
Die Weiterbildung zur Atmungstherapeutin wird vom Deutschen Bildungszentrum für Atmungstherapie (D-A-T) standardisiert und dauert rund ein Jahr berufsbegleitend. Sie umfasst Beatmungsmedizin, Atemphysiologie, Inhalationstherapie, Sekretmanagement, Entwöhnung von der Beatmung (Weaning) und die Versorgung von Patienten mit Atemwegserkrankungen wie COPD, Asthma oder neuromuskulären Erkrankungen. Der Abschluss ist im Gesundheitswesen bekannt und wird von Krankenhäusern und Pflegediensten anerkannt.
Klinische Atmungstherapie Eckdaten
| Kriterium | Details |
|---|---|
| Voraussetzung | Abgeschlossene Ausbildung als Pflegefachkraft oder Physiotherapeutin |
| Dauer | Ca. 1 Jahr berufsbegleitend |
| Abschluss | Zertifikat D-A-T oder vergleichbar |
| Einsatzbereich | Intensivstation, Pneumologie, Beatmungspflege, Heimbeatmung |
| Kosten | 2.000–5.000 Euro |
| Gehaltseffekt | Mittel bis hoch – besonders in Intensiv- und Heimbeatmungsbereich |
Wer bereits als Pflegefachkraft oder Physiotherapeutin tätig ist und in Richtung Beatmungsmedizin und Intensivversorgung möchte, findet hier eine der zukunftssichersten Spezialisierungen im Gesundheitswesen. Der Bedarf an qualifizierten Atmungstherapeutinnen übersteigt das Angebot in Deutschland deutlich – was die Verhandlungsposition auf dem Arbeitsmarkt erheblich stärkt. Wer noch keine Grundausbildung hat, findet alle relevanten Informationen im Artikel zu den Fortbildungen für Krankenschwestern und Pflegefachkräfte.
Weg 2 Ganzheitliche Atemarbeit Middendorf Veening und Co.
Die ganzheitliche Atemtherapie hat eine lange Tradition in Deutschland. Ilse Middendorf entwickelte in Berlin die „Erfahrbare Atem“-Methode, die den Atem als eigenständige Lebenskraft betrachtet – nicht als etwas, das man kontrolliert, sondern als etwas, das man zulässt. Diese Methode wird am Institut für Erfahrbaren Atem in Berlin gelehrt und dauert in der Ausbildung mehrere Jahre. Ähnlich tiefgehende Ansätze verfolgen die Atemarbeit nach Cornelis Veening oder die Atemlehre nach Schlaffhorst-Andersen.

Diese Ausbildungen richten sich an Menschen, die in der Körpertherapie, in der pädagogischen Arbeit mit Stimme und Atem, in der Stressbewältigung oder in der Persönlichkeitsentwicklung tätig sein möchten. Sie setzen in der Regel keine medizinische Vorbildung voraus – aber ein starkes Interesse an körperorientierter Arbeit und die Bereitschaft zur langen, intensiven Selbsterfahrung. Diese Ausbildungen kosten mehrere Tausend Euro und dauern bis zu fünf Jahre berufsbegleitend.
Weg 3 Atemtherapie als Zusatzqualifikation für Therapeuten
Für bereits ausgebildete Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Heilpraktiker gibt es spezifische Atemtherapie-Zusatzqualifikationen, die das eigene therapeutische Repertoire erweitern. Bekannte Ansätze sind die Atemphysiotherapie nach Vojta, die Manuelle Atemtherapie oder Techniken aus der Spiraldynamik. Diese Kurse dauern meist wenige Tage bis Wochen und schließen mit einem Zertifikat ab – kein eigenständiger Berufsabschluss, aber eine anerkannte Erweiterung der therapeutischen Kompetenz.
Im Bereich der Logopädie und Stimmtherapie ist Atemarbeit ein zentrales Element: Wer als Logopädin mit Stimmproblemen, Stottern oder Schluckstörungen arbeitet, kommt an Atemtherapie nicht vorbei. Ähnlich wie beim Weg in die Naturheilkunde gilt auch hier: Je kürzer und günstiger ein Kurs, desto kritischer sollte man die Qualitätsnachweise prüfen.
Welcher Weg passt zu wem
- Klinische Atmungstherapeutin – für Pflegefachkräfte und Physiotherapeuten mit Interesse an Intensiv- und Beatmungsmedizin
- Ganzheitliche Atemarbeit (Middendorf, Veening) – für alle, die körperorientiert und pädagogisch-therapeutisch arbeiten möchten, ohne medizinischen Hintergrund
- Atemphysiotherapie als Zusatz – für bereits ausgebildete Physiotherapeuten, die ihren Methodenkoffer erweitern möchten
- Atemtherapie in der Logopädie – für Logopädinnen, Stimmtherapeuten und Sprachtherapeutinnen
- Yoga, Pranayama, Breathwork – nicht-therapeutische Angebote für Wellness und Selbstentwicklung, keine anerkannte therapeutische Qualifikation
Was verdient man als Atemtherapeut
Das Gehalt hängt stark vom Weg und vom Arbeitsfeld ab. Klinische Atmungstherapeutinnen in Festanstellung werden nach TVöD oder AVR vergütet – je nach Eingruppierung und Erfahrung zwischen 3.000 und 4.500 Euro brutto monatlich. Im wachsenden Bereich der außerklinischen Beatmungspflege sind auch höhere Gehälter möglich, da spezialisierte Fachkräfte sehr gesucht sind.
Wer ganzheitliche Atemarbeit oder Atemtherapie in eigener Praxis anbietet, arbeitet überwiegend als Selbstständige mit Honorarabrechnung. Die Stundensätze variieren je nach Qualifikation, Region und Klientel zwischen 60 und 130 Euro – ähnlich wie bei der Kunsttherapie oder anderen körpertherapeutischen Berufen ist der Aufbau einer stabilen Auslastung zeitintensiv. Gesetzliche Krankenkassen erstatten ganzheitliche Atemtherapie in Deutschland in der Regel nicht.
Was diesen Beruf für viele so besonders macht: Wer klinisch als Atmungstherapeutin arbeitet, sitzt an einem der anspruchsvollsten Punkte der Intensivmedizin. Eine Beatmungssituation richtig einschätzen, einen Patienten sicher entwöhnen, die passende Inhalationstherapie einleiten – das erfordert medizinisches Fachwissen, das täglich gefordert wird. Im ganzheitlichen Bereich wiederum ist die Ausbildung lang, die Arbeit kleinteilig und der Praxisaufbau zeitaufwendig. Wer diesen Weg geht, tut das aus Überzeugung für eine bestimmte pädagogische oder körperorientierte Arbeitsweise. Beide Richtungen verlangen Spezialisierung und Durchhaltevermögen – und bieten dafür ein klar abgegrenztes Berufsfeld mit wenig Konkurrenz durch Generalisten.
Häufige Fragen
Atemtherapeut zu werden ist möglich – aber der Weg hängt entscheidend davon ab, in welchem Kontext man arbeiten möchte. Wer klinisch und medizinisch denkt, investiert in die Atmungstherapeutin-Weiterbildung. Wer körperorientiert und ganzheitlich arbeiten möchte, wählt eine der etablierten Atemschulen. Und wer noch ganz am Anfang steht: Ein Probestunden-Besuch oder ein Einführungskurs ist fast immer der beste erste Schritt – um zu spüren, ob diese Art zu arbeiten wirklich zu einem passt.
Diese Informationen wurden redaktionell mit Unterstützung von KI Wissen entwickelt.
